Bleiben oder gehen? Wie du eine schwere Entscheidung triffst, ohne dich im Kreis zu drehen

Den Job wechseln oder bleiben? Umziehen? Die Beziehung beenden? Manche Entscheidungen tragen wir monatelang mit uns herum. Die Pro-und-Contra-Liste ist längst geschrieben, geholfen hat sie nicht. Das liegt nicht an mangelnder Entschlusskraft. Unser Kopf hat ein paar Eigenheiten, die große Entscheidungen schwer machen. Hier erfährst du, welche das sind und wie du in fünf Schritten zu einer Entscheidung kommst, hinter der du stehen kannst.

Warum wir lieber gar nicht entscheiden

Verluste wiegen schwerer als Gewinne. Was wir aufgeben, spüren wir stärker als das, was wir bekommen könnten (Kahneman und Tversky, 1979). Beim Jobwechsel ist der Verlust konkret: die Kollegen, die Sicherheit, der kurze Arbeitsweg. Der Gewinn ist eine Vermutung. Kein Wunder, dass die Waage zum Bleiben kippt.

Der Ist-Zustand hat Heimvorteil. Menschen bleiben auffällig oft bei dem, was sie haben, auch wenn die Alternative objektiv gleich gut oder besser ist (Samuelson und Zeckhauser, 1988). Nichtstun fühlt sich nicht wie eine Entscheidung an und damit auch nicht wie ein möglicher Fehler. Dabei ist Bleiben genauso eine Wahl wie Gehen.

Wir fürchten die Reue, und zwar die falsche. Kurzfristig bereuen wir eher, was wir getan haben. Im Rückblick auf das Leben bereuen wir dagegen häufiger, was wir nicht getan haben (Gilovich und Medvec, 1995). Die Angst vor dem Fehltritt ist also laut, aber kurzlebig. Das „Hätte ich doch“ kommt leise und bleibt.

Wir überschätzen, wie lange uns etwas beschäftigt. Menschen sagen ziemlich treffsicher vorher, ob sich etwas gut oder schlecht anfühlen wird. Wie stark und wie lange, schätzen sie dagegen meist zu hoch ein (Wilson und Gilbert, 2005). Die Katastrophe, die wir uns ausmalen, fällt in der Regel kleiner aus und geht schneller vorbei.

Was passiert, wenn Menschen sich trauen?

Der Ökonom Steven Levitt ließ Tausende Unentschlossene online eine Münze werfen: Kopf hieß verändern, Zahl hieß alles lassen, wie es ist. Monate später fragte er nach. Wer bei einer wichtigen Frage, etwa Kündigung oder Trennung, die Veränderung gewagt hatte, war im Schnitt zufriedener als diejenigen, die geblieben waren (Levitt, 2021). Das ist kein Aufruf, alles hinzuwerfen. Es zeigt aber: Wer lange ernsthaft über eine Veränderung nachdenkt, ist im Zweifel eher zu vorsichtig als zu mutig.

Kopf oder Bauch?

Beides. Unser Denken arbeitet auf zwei Wegen: schnell und intuitiv oder langsam und abwägend (Kahneman, 2011). Der Bauch verarbeitet Erfahrung, kann aber nur schwer zwischen „passt nicht zu mir“ und „macht mir Angst, weil es neu ist“ unterscheiden. Der Kopf vergleicht sauber, weiß aber nicht von allein, was dir wichtig ist. Gute Entscheidungen brauchen beide, und zwar nacheinander statt durcheinander. Genau das leisten die folgenden Schritte.

In fünf Schritten zur Entscheidung

Als Beispiel begleitet uns Markus. Er hat ein Angebot von einer anderen Firma: spannendere Aufgabe, etwas mehr Gehalt, dafür eine Stunde Fahrt und ein Team, das er nicht kennt.

1. Klären, worauf es dir ankommt

Bevor du Optionen vergleichst, brauchst du einen Maßstab. Was ist dir im Leben und in der Arbeit wirklich wichtig? Ohne diese Klärung vergleichst du Gehalt mit Arbeitsweg und kommst nie an. Markus merkt: Entwicklung steht bei ihm ganz oben, Familie auch. Sicherheit, über die er ständig nachdenkt, landet weiter hinten.

2. Abstand gewinnen: Wie sieht es später aus?

Im Moment der Entscheidung sind die Gefühle am lautesten. Die 10-10-10-Methode holt die Zukunft dazu: Wie geht es dir mit der Entscheidung in zehn Minuten, in zehn Monaten, in zehn Jahren? Markus stellt fest: In zehn Minuten wäre ihm mulmig. In zehn Monaten wäre er eingearbeitet. Und in zehn Jahren würde er sich eher ärgern, es nicht versucht zu haben.

3. Den Blick weiten: Gibt es mehr als Entweder-oder?

Wer sich im Kreis dreht, steckt oft in einer zu engen Frage fest. Das Tetralemma, bekannt geworden durch Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer, ergänzt „das eine“ und „das andere“ um weitere Positionen: beides, keines von beiden und etwas ganz anderes. Markus kommt so auf eine Idee, die er vorher nicht hatte: mit dem Angebot in der Hand beim jetzigen Arbeitgeber über eine neue Aufgabe sprechen.

4. Nüchtern vergleichen

Jetzt ist der Kopf dran. Die Entscheidungsmatrix stellt deine Optionen nebeneinander und bewertet sie nach deinen eigenen, gewichteten Kriterien. Der Wert liegt weniger in der Zahl am Ende als im Weg dorthin: Du merkst, welche Kriterien dir wirklich wichtig sind. Und achte auf deine Reaktion auf das Ergebnis. Bist du erleichtert oder enttäuscht? Das ist dein Bauch, der sich meldet.

5. Der Angst ins Gesicht sehen

Oft hält uns ein diffuses „Und wenn es schiefgeht?“ zurück. Spiel durch, wie es nach der Entscheidung weitergehen könnte, auch im ungünstigen Fall. Was genau würde passieren? Wie wahrscheinlich ist das? Was würdest du dann tun? Ausgesprochen schrumpft die Sorge meist auf ein handhabbares Maß. Markus‘ schlimmster Fall: Die Probezeit geht schief, und er muss sich neu bewerben. Unangenehm, aber kein Weltuntergang.

Gut genug ist gut

Manche Menschen suchen immer die beste aller Möglichkeiten, andere nehmen die erste, die ihre Ansprüche erfüllt. Die Suchenden sind im Schnitt unzufriedener und bereuen mehr (Schwartz und Kollegen, 2002). Das gilt selbst dann, wenn sie objektiv besser abschneiden: In einer Studie fanden sie nach dem Studium Stellen mit rund 20 Prozent höherem Einstiegsgehalt und waren trotzdem weniger zufrieden damit (Iyengar, Wells und Schwartz, 2006). Die perfekte Entscheidung gibt es nicht, weil du nie erfährst, wie der andere Weg verlaufen wäre. Eine Entscheidung wird auch dadurch gut, was du nach ihr aus ihr machst.

Wenn es trotzdem hakt

  • Zwei Stimmen in dir streiten: Lass sie nacheinander ausreden, mit dem Inneren Team.
  • Die Idee ist noch unausgegoren: Entwickle sie mit Träumer, Realist, Kritiker weiter, bevor du über sie urteilst.
  • Du hast entschieden, kommst aber nicht ins Tun: Mach aus der Entscheidung ein Ziel, mit dem SMART-Ziel Check, und sichere den ersten Schritt mit einem Wenn-Dann-Plan ab.

Für Coaches: So nutzt du den Ablauf mit Coachees

Coachees kommen häufig mit der Bitte um eine Entscheidungshilfe und erwarten eine Pro-und-Contra-Auswertung. Es lohnt sich, mit dem Werte-Kompass einen Schritt davor anzusetzen. Das Tetralemma entfaltet seine Wirkung am besten in der Sitzung, gern auch mit Bodenankern im Raum. Die Entscheidungsmatrix eignet sich als Aufgabe für zu Hause. Fragt in der nächsten Sitzung nicht zuerst nach dem Ergebnis, sondern danach, wie es sich angefühlt hat.

Kurz zusammengefasst

  1. Werte: Worauf kommt es dir wirklich an?
  2. Abstand: Wie siehst du die Entscheidung in zehn Minuten, zehn Monaten, zehn Jahren?
  3. Weite: Gibt es mehr als Entweder-oder?
  4. Vergleich: Wie schneiden die Optionen nach deinen Kriterien ab?
  5. Angst: Was wäre der ungünstige Fall, und was tätest du dann?

Nicht zu entscheiden ist auch eine Entscheidung, nur eine, die du nicht bewusst getroffen hast. Fang mit der 10-10-10-Methode an, sie braucht nur ein paar Minuten und bringt oft schon erstaunlich viel Klarheit.

Quellen

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