Weißt du, was deine beste Freundin verdient? Was deine Eltern auf dem Konto haben? Die meisten wissen es nicht. Über Geld reden wir weniger offen als über fast alles andere, und gerade deshalb wirkt es so stark. Was wir als Kinder über Geld aufgeschnappt haben, lenkt bis heute, wie wir verdienen, ausgeben, sparen und streiten. Hier erfährst du, woher diese Überzeugungen kommen und wie du in fünf Schritten freier mit Geld umgehst.
Das letzte Tabu
Der Psychotherapeut Richard Trachtman beschrieb Geld als ein Tabuthema, das selbst in der Therapie gemieden wird, in der sonst alles zur Sprache kommt (Trachtman, 1999). Das Schweigen hat Folgen: Wer nie hört, wie andere mit Geld umgehen, hält die Regeln der eigenen Familie für die einzig möglichen.
Was wir über Geld gelernt haben
Kinder bekommen mehr mit, als Erwachsene denken: den Streit hinter der Tür, das Seufzen beim Blick auf die Rechnung, den Stolz auf das abbezahlte Haus. Daraus bilden sie Schlüsse, die sie selten wieder überprüfen. Der Finanzpsychologe Brad Klontz nennt solche unbewussten Überzeugungen Geldskripte und hat in einer Studie vier Muster gefunden (Klontz und Kollegen, 2011):
- Geld meiden: „Geld verdirbt den Charakter.“ „Reiche Leute sind gierig.“ „Ich habe es nicht verdient.“
- Geld überhöhen: „Mit mehr Geld wären meine Probleme gelöst.“ „Genug ist es nie.“
- Geld als Status: „Ich bin so viel wert, wie ich verdiene.“ „Man muss zeigen, was man hat.“
- Geld bewachen: „Über Geld spricht man nicht.“ „Man muss immer für schlechte Zeiten sparen.“
Die ersten drei Muster hingen in der Studie mit geringerem Einkommen und Vermögen zusammen. Das vierte schützt vor Schulden, kann aber dazu führen, dass man sich nichts gönnt und mit niemandem über Geld redet. Keines der Muster ist falsch oder dumm. Jedes war einmal eine sinnvolle Antwort auf das, was jemand erlebt hat. Zum Problem wird es, wenn es unbemerkt weiterläuft, obwohl die Umstände längst andere sind.
Warum Streit ums Geld so hartnäckig ist
Wenn zwei Menschen zusammenleben, treffen zwei Geldgeschichten aufeinander. In einer Tagebuchstudie mit hundert Paaren war Geld zwar nicht das häufigste Streitthema. Die Konflikte darüber waren aber heftiger, kehrten öfter wieder und blieben häufiger ungelöst als andere (Papp, Cummings und Goeke-Morey, 2009). Eine große Langzeitstudie fand: Uneinigkeit über Geld sagte eine spätere Trennung stärker vorher als Streit über andere Themen (Dew, Britt und Huston, 2012).
Das liegt daran, dass es beim Geld selten ums Geld geht. Hinter „Du gibst zu viel aus“ steht oft „Ich habe Angst, dass es nicht reicht“. Hinter „Du bist geizig“ steht „Ich möchte, dass wir das Leben genießen“. Gestritten wird über Zahlen, gemeint sind Sicherheit, Freiheit, Anerkennung und Vertrauen.
In fünf Schritten zu einem freieren Umgang mit Geld
Die ersten drei Schritte gehst du für dich, die letzten beiden zu zweit. Als Beispiel begleiten uns Anna und Felix. Anna spart eisern und wird unruhig, wenn das Konto unter eine bestimmte Summe fällt. Felix findet, man lebe nur einmal. Jeder Urlaub beginnt mit einer Grundsatzdiskussion.
1. Erinnern: Wie war das bei euch zu Hause?
Nimm dir zehn Minuten und schreib auf: Wie wurde in deiner Familie über Geld gesprochen? War genug da, oder war es knapp? Wer hat entschieden? Welchen Satz über Geld hörst du noch im Ohr? Anna erinnert sich an die Arbeitslosigkeit ihres Vaters und an den Satz: „Man weiß nie, was kommt.“ Bei Felix war Geld nie ein Thema, es war einfach da.
2. Den Satz prüfen
Nimm den einen Satz, der dich am stärksten lenkt, und behandle ihn wie eine Behauptung: Was spricht dafür, was dagegen? Was kostet er dich? Wie würde ein Satz lauten, der dir mehr Spielraum lässt? Aus Annas „Man weiß nie, was kommt“ wird: „Ich sorge vor, und was darüber hinausgeht, darf ich genießen.“
3. Gefühl und Zahlen trennen
Geldsorgen und Geldmangel sind nicht dasselbe. Manche sorgen sich bei gut gefülltem Konto, andere sind sorglos, obwohl es eng ist. Ein nüchterner Blick auf vier grobe Zahlen zeigt, wie es wirklich steht. Anna stellt fest: Ihre Rücklage reicht für acht Monate. Die Unruhe kommt nicht vom Kontostand.
4. Verstehen, worum es dem anderen geht
Im Streit stehen Positionen gegeneinander: „Wir fahren nicht für 3.000 Euro in den Urlaub“ gegen „Wir gönnen uns nie etwas“. Dahinter liegen Interessen, und die vertragen sich oft besser als gedacht. Anna braucht Sicherheit, Felix gemeinsame Erlebnisse. Beides geht: eine feste Untergrenze auf dem Konto, die niemand anrührt, und darüber ein Betrag, der fürs Leben da ist.
- Positionen und InteressenIn Konflikten streiten Menschen über Forderungen und übersehen, wofür sie die Forderung brauchen. Du trennst für beide Seiten Position und Interesse, siehst, was sich vereinbaren lässt, und sammelst Lösungen, die beiden gerecht werden.
- PerspektivwechselDu betrachtest einen Konflikt oder ein schwieriges Gespräch aus drei Positionen: aus deiner eigenen, aus der deines Gegenübers und aus der einer unbeteiligten Beobachterin. Danach kehrst du mit neuen Informationen zu dir zurück.
5. Darüber sprechen
Ein Geldgespräch gelingt eher an einem ruhigen Abend als mitten im Streit, und eher mit einer Ich-Botschaft als mit einem Vorwurf. Anna sagt: „Wenn das Konto unter 5.000 Euro fällt, werde ich unruhig, weil mir Sicherheit wichtig ist. Das kommt aus meiner Familie. Können wir eine Grenze vereinbaren, unter die wir nicht gehen?“ Erzählt euch dabei auch, wie es bei euch zu Hause war. Das erklärt mehr als jede Tabelle.
Wenn es trotzdem hakt
- Du weißt nicht, wofür du dein Geld eigentlich haben willst: Der Werte-Kompass klärt, was dir wichtig ist, der Ausgaben-Werte-Abgleich zeigt, ob dein Geld dorthin fließt.
- Ein Satz deines Gegenübers hat dich getroffen: Schau ihn dir mit dem Vier-Ohren-Modell an.
- Der Streit dreht sich seit Jahren im Kreis: Die Eskalationsstufen zeigen dir, ob ihr Unterstützung von außen braucht.
Für Coaches und Mediatoren
Geld ist in Coaching und Mediation oft der Stellvertreter für etwas anderes. Die Frage „Wie war das bei Ihnen zu Hause mit dem Geld?“ öffnet meist mehr als jede Frage nach Beträgen. Im Einzelcoaching eignet sich der Glaubenssatz-Check für den einen Satz, der Gehaltsverhandlung, Preisgestaltung oder Selbstständigkeit bremst. In der Mediation mit Paaren oder Erbengemeinschaften hilft es, die Geldgeschichten beider Seiten erzählen zu lassen, bevor über Zahlen gesprochen wird. Rechtliche und steuerliche Fragen gehören zu den jeweiligen Fachleuten.
Kurz zusammengefasst
- Erinnern: Was hast du zu Hause über Geld gelernt?
- Prüfen: Welcher Satz lenkt dich, und stimmt er noch?
- Trennen: Was sagen die Zahlen, was sagt das Gefühl?
- Verstehen: Worum geht es dem anderen wirklich?
- Sprechen: in Ruhe, mit Ich-Botschaft und mit eurer Geschichte.
Du musst deine Geldgeschichte nicht loswerden. Es reicht, sie zu kennen. Fang mit dem einen Satz an, den du noch im Ohr hast, und nimm ihn mit in den Glaubenssatz-Check.
Quellen
- Dew, J., Britt, S. und Huston, S. (2012). Examining the relationship between financial issues and divorce. Family Relations, 61(4), 615–628.
- Klontz, B., Britt, S. L., Mentzer, J. und Klontz, T. (2011). Money beliefs and financial behaviors: Development of the Klontz Money Script Inventory. Journal of Financial Therapy, 2(1).
- Papp, L. M., Cummings, E. M. und Goeke-Morey, M. C. (2009). For richer, for poorer: Money as a topic of marital conflict in the home. Family Relations, 58(1), 91–103.
- Trachtman, R. (1999). The money taboo: Its effects in everyday life and in the practice of psychotherapy. Clinical Social Work Journal, 27(3), 275–288.