Wo bleibt eigentlich mein Geld? Warum wir mehr ausgeben, als wir wollen

Das Gehalt ist in den letzten Jahren gestiegen, und trotzdem ist am Monatsende so wenig übrig wie früher. Wo bleibt das Geld eigentlich? Die Antwort hat selten mit fehlender Disziplin zu tun. Unser Kopf rechnet mit Geld auf eine Weise, die das Ausgeben leicht und das Behalten schwer macht. Hier erfährst du, wie das funktioniert und wie du in fünf Schritten wieder weißt, wohin dein Geld fließt.

Vorab: Dieser Beitrag hilft beim Sortieren und Entscheiden. Er ist keine Finanz- oder Anlageberatung. Wenn das Geld trotz aller Mühe nicht reicht oder Schulden drücken, wende dich bitte an eine Schuldnerberatung. Die Beratung von Städten, Wohlfahrtsverbänden und Verbraucherzentralen ist kostenlos.

Wie unser Kopf mit Geld rechnet

Wir führen Geld in getrennten Töpfen. Ein Euro ist ein Euro, sollte man meinen. Tatsächlich sortieren wir Geld im Kopf in Konten: Miete, Urlaub, Spaß, Geschenktes. Der Ökonom Richard Thaler nennt das mentale Buchführung (Thaler, 1999). Das hilft beim Haushalten, hat aber Nebenwirkungen: Die Steuererstattung oder das Weihnachtsgeld landen im Topf „Extra“ und werden leichter ausgegeben als dieselbe Summe aus dem Gehalt.

Bezahlen tut weh, aber nicht immer gleich. Geld herzugeben ist unangenehm, und dieses Unbehagen bremst uns (Prelec und Loewenstein, 1998). Je unsichtbarer das Bezahlen wird, desto schwächer die Bremse. In einem Experiment boten Menschen für dieselben Eintrittskarten deutlich mehr, wenn sie mit Karte statt bar zahlen sollten (Prelec und Simester, 2001). Wer mit Karte zahlt, erinnert sich außerdem schlechter an das, was er schon ausgegeben hat, und gibt deshalb leichter noch einmal etwas aus (Soman, 2001). Abos und Ein-Klick-Käufe sind die nächste Stufe: Man zahlt, ohne es zu merken.

Mit dem Einkommen wachsen die Ansprüche. An fast alles, was wir uns leisten, gewöhnen wir uns: an die größere Wohnung, das bessere Auto, den Lieferdienst. Was gestern Luxus war, ist heute normal und morgen nötig. Die Forschung nennt das hedonische Anpassung (Diener, Lucas und Scollon, 2006). Die Ausgaben klettern mit dem Gehalt mit, die Zufriedenheit nicht.

Heute zählt mehr als morgen. Sparen heißt, jetzt auf etwas zu verzichten für ein späteres Ich, das uns fern ist. Deshalb fällt es leichter, wenn die Entscheidung nicht heute wehtut. In einem Betriebsprogramm legten Beschäftigte vorab fest, dass ein Teil künftiger Gehaltserhöhungen automatisch gespart wird. Ihre Sparquote stieg in gut drei Jahren von 3,5 auf 13,6 Prozent (Thaler und Benartzi, 2004). Die Lehre daraus: Automatik schlägt Willenskraft.

Was Geld überhaupt kann

Mehr Geld macht nur wenig zufriedener, und das liegt auch daran, wofür wir es ausgeben. Eine Übersicht der Forschung kommt zu dem Schluss: Geld bringt mehr, wenn es in Erlebnisse statt in Dinge fließt, in viele kleine Freuden statt in wenige große und in das, was man mit anderen teilt (Dunn, Gilbert und Wilson, 2011). Die Frage ist also weniger „Wie viel gebe ich aus?“ als „Wofür?“.

In fünf Schritten zu mehr Überblick

Du brauchst dafür kein Haushaltsbuch und keine Kontoauszüge, grobe Zahlen reichen. Als Beispiel begleitet uns Miriam. Sie verdient ordentlich, hat aber seit Jahren keine Rücklage und weiß nicht, warum.

1. Standort bestimmen: Wie steht es wirklich?

Vier Zahlen genügen für ein erstes Bild: was hereinkommt, was fest verplant ist, was du zurücklegst und was du in Reserve hast. Miriam stellt fest: 62 Prozent ihres Einkommens sind schon weg, bevor der Monat beginnt. Das hatte sie niedriger geschätzt.

2. Abgleichen: Was ist es dir wert?

Jetzt kommt die Frage, die ein Haushaltsbuch nicht stellt. Du gehst deine größten Posten durch und bewertest, wie viel dir jeder bedeutet. Miriam findet ihren Hebel schnell: das zweite Auto, das meist steht, und drei Abos, die sie vergessen hatte. Der Sportverein der Kinder dagegen ist jeden Euro wert.

3. Dem Geld ein Ziel geben

Geld ohne Ziel wird ausgegeben. Sobald etwas frei wird, braucht es eine Aufgabe, und zwar eine konkrete. Miriam entscheidet sich für einen Notgroschen von 6.000 Euro. Der Planer zeigt ihr: Mit 250 Euro im Monat ist sie in zwei Jahren dort, und das erste Viertel hat sie schon nach einem halben Jahr.

4. Automatik einbauen und Hindernisse einplanen

Verlass dich nicht auf deine Disziplin. Richte einen Dauerauftrag ein, der am Tag nach dem Gehaltseingang läuft, dann musst du dich nicht jeden Monat neu entscheiden. Und überleg vorher, was du tust, wenn etwas dazwischenkommt: „Wenn eine unerwartete Rechnung kommt, dann setze ich einen Monat aus und zahle danach normal weiter.“ Für neue Routinen, etwa einen festen Geldtermin im Monat, hilft der Gewohnheits-Planer.

5. Dranbleiben: einmal im Monat hinschauen

Fünf Minuten im Monat reichen: Bin ich im Plan? Was hat funktioniert? Was passe ich an? Wer seinen Fortschritt regelmäßig festhält, erreicht seine Ziele eher. Miriam legt sich den Termin auf den ersten Sonntag im Monat.

Wenn es trotzdem hakt

  • Spontane Käufe werfen dich immer wieder zurück: Der Kaufentscheidungs-Check legt eine Pause zwischen Wunsch und Kauf.
  • Du weichst dem Thema aus, obwohl du es besser weißt: Dahinter steckt oft ein alter Satz über Geld. Mehr dazu im Beitrag Über Geld spricht man nicht?
  • Du weißt nicht, was dir wichtig ist: Dann fehlt der Maßstab für den Abgleich. Der Werte-Kompass hilft.

Für Coaches: So nutzt du den Ablauf mit Coachees

Geld begrenzt viele Vorhaben, über die im Coaching gesprochen wird: die Stundenreduzierung, die Weiterbildung, den Neuanfang. Oft ist „Das kann ich mir nicht leisten“ eine ungeprüfte Annahme. Finanz-Standort und Ausgaben-Werte-Abgleich füllt der Coachee allein aus und bringt nur mit, was er teilen möchte. In der Sitzung geht es dann um die Frage dahinter: Wofür soll das Geld da sein? Bleib dabei in deiner Rolle. Zu Geldanlage, Krediten und Steuern berätst du nicht.

Kurz zusammengefasst

  1. Standort: Was kommt herein, was ist fest verplant, was bleibt?
  2. Abgleich: Welche Ausgaben sind dir ihr Geld wert, welche nicht?
  3. Ziel: Wofür ist das Geld da, das frei wird?
  4. Automatik: Dauerauftrag statt Disziplin, und ein Plan für Rückschläge.
  5. Dranbleiben: einmal im Monat fünf Minuten.

Du musst nicht dein ganzes Leben durchrechnen. Meist reichen ein großer Posten, der dir wenig bedeutet, und ein Dauerauftrag. Fang mit dem Finanz-Standort an, das dauert zehn Minuten.

Quellen

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